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Nehmen wir mal an: Jörg Haider war (vielleicht manchmal) schwul

Als Kennedy ermordet wurde, war ich noch nicht auf der Welt, beim Tod von Lady Di urlaubte ich auf einer kleinen griechischen Insel. Und in der Nacht in der Jörg Haider starb hab ich in einem Seminarhotel von meinem kommenden Arbeitstag geträumt, der mich auch diesesmal von der Live-Nachrichtenlage abgeschnitten hat. Das hat mich – ich muss es zugeben – sehr gewurmt. Weil ich immer gern dabei bin, wenn sich Meldungen überschlagen. Ein seltsames Hobby vielleicht, aber ist halt so. Und dabei muss ja nicht immer vorher jemand sterben.

Möglicherweise hat es auch damit zu tun, dass ich dafür jetzt recht gierig alles aufsauge, was es zumindest an Nachberichterstattung zum Tod und praktisch live von den aktuellen Geschehnissen und Entwicklungen gibt. Vielleicht aber auch damit, dass ich mich schon gefragt habe, was jetzt aus den schon viele Jahre alten Gerüchten werden würde, dass Jörg Haider – verheiratet und Vater mehrerer Kinder – auch an Männern interessiert gewesen sei. Zu denen, also diesen Gerüchten, hatte die österreichische Medienlandschaft ja ein durchaus bemerkenswertes Verhältnis. Sie wurden gleichzeitig lanciert und ignoriert. Auch eine Kunst.

Da tauchten Fotos mit einem junge Burschen umarmenden Landeshauptmann auf, die man zwar veröffentlichte, inhaltlich aber vor allem unter der Überschrift „Jugend und Landeshauptmann und Alkohol“. Da gab es im vergangenen Wahlkampf seltsame Presseaussendungen des beleidigten politischen Bruders FPÖ („Vielleicht sei auch Stadlers übertriebenes Auftreten gegen Homosexualität nur eine Nebelgranate gewesen, um seine Nähe zu Haider zu vertuschen“). Auch das wurde zwar aufgenommen, inhaltlich aber im Großen und Ganzen immer nur in den dazugehörenden Online-Foren kommentiert. Und wer die mitgelesen hat, merkte schnell, dass die Geschichten und Geschichtchen rund um den Kärntner Landeshauptmann und sein mögliches Leben außerhalb seiner Ehe, egal ob jetzt wahr oder erfunden, zumindest nicht ganz neu waren. Direkt medial thematisiert wurden sie aber kaum. Eigentlich gar nicht. Manchmal ein bisschen.

Dass in der Timeline Haiders letzten Abends eine Lücke klafft, und dass die nach Fülle lechzt, war die letzten Tage über schon klar. Dass seine Erben gerne einen Schlussstrich unter die Spekulationen ziehen wollten auch. Spätestens als Stefan Petzner nachdem er die Alkoholisierung seines Vorgängers bestätigt hatte, forderte „hier die Stopptaste zu drücken und die Berichterstattung betreffend des Unfalles abzuschließen“.

Das hat nicht ganz funktioniert. Die Lücke füllt sich. Jörg Haider hat den Abend – wie heute etwas zögerlich berichtet wird – in einem Klagenfurter „Szenelokal“ ausklingen lassen. Und nicht in irgendeinem, sondern im „Stadtkrämer“. Ein Blick ins Netz genügt und auch Nicht-Klagenfurter erfahren, was Google längst weiß:

„Das Schwulen Lokal in Klagenfurt“ lag also noch auf Jörg Haiders Heimweg. Vorausgesetzt natürlich, der Inhalt der Email, die heute bekannt geworden ist, und deren Veröffentlichung dem zuständigen Staatsanwalt inzwischen eine Anzeige einbegracht hat, entspricht der Wahrheit. Dass nämlich dort jemand dem Landeshauptmann angeboten hätte, ihn nach Hause zu fahren.

Jetzt haben natürlich alle ein kleines Problem. Was machen mit dieser Information? Die Medienlandschaft bleibt aber erstmal beim offenbar harmlosen Begriff „Szenelokal“. Ohne „schwul“. Darüber wundert sich nicht nur Stefan Weber auf heise.de, darüber wundere ich mich auch. Ohne das Lokal zu kennen, nehm ich mal an, da dürfen durchaus auch heterosexuelle Männer rein. Trotzdem bleibt die wohl nicht ganz uninteressante Information im Großen und ganzen unerwähnt. Es bleibt beim Eiertanz:

Gerüchte sind oft größer als die Wahrheit. Und nicht immer müssen alle Wahrheiten zu jedem Zeitpunkt genannt werden. Da wird die Aufklärung jener Umstände, die zum Tod von Jörg Haider geführt haben, zu einem Balanceakt zwischen Pietät und Informationspflicht. Das gilt nicht nur wegen des guten Brauchs, über Tote nichts Schlechtes zu sagen, sondern auch, weil Haiders letzte Stunden immer mehr Rätsel aufgeben.

schreibt heute zum Beispiel die Krone. Ein posthumes Outing wäre also pietätlos (wenn ich der Krone jetzt mal unterstellen darf, dass sie sich darauf bezieht). Und irgendwo da drin in dieser Denke liegt wohl auch ein Grund, wieso das alles die letzten Jahre über so gelaufen ist, wie es eben gelaufen ist. Homophobe Haider-Fans schafften es irgendwie, die Gerüchte beiseite zu schieben und/oder wollten ihre Gallionsfigur damit nicht belasten. Nicht homophobe Haider-Fans sowieso nicht. Nicht homophobe Haider-Kritiker wollten ihm nicht ausgerechnet aus einer Eigenschaft einen Strick drehen, die sie selbst nicht weiter schlimm fanden. Und für die homophoben Haider-Hasser,… da weiß ich auch nicht was los war. Vielleicht haben sie von den Gerüchten einfach – wie auch immer das gehen soll – nichts mitgekriegt.

Dann wär die österreichische Gesellschaft gefühlt wohl irgendwie zu homophob, um sich als Spitzen-Politiker zu outen, aber tolerant genug, um einer zu werden. Da spricht einiges dafür.

Die Frage jetzt: Wie weiter? Irgendwie ist ob Jörg Haider Sex mit Männern hatte, jetzt so egal wie nie zuvor. Irgendwie natürlich aber auch ganz und gar nicht. Sobald es nämlich darum geht, ob die blöße Erwähnung dessen, dass der „Stadtkrämer“ sich als schwules Lokal bezeichnet zu einem „schlecht reden“ über jemanden wird, der dort reingegangen ist. Da wird „Respekt“ dann nämlich ziemlich homophob.

15 Comments

on “Nehmen wir mal an: Jörg Haider war (vielleicht manchmal) schwul
15 Comments on “Nehmen wir mal an: Jörg Haider war (vielleicht manchmal) schwul
  1. Danke auch,ich bin der Meinung aus Rücksichtnahme auf die Hinterbliebenen, die all diese Fragen sich selber schon beantwortet haben, da nur jene die Wahrheit etwas angeht, sollte die Presse ihre Berichterstattung einstellen.Es ist Gott sei Dank niemand zu Schaden gekommen und der Preis war sehr hoch-er hat Jörg Haider sein Leben gekostet, er ist als Privatmann gestorben und man sollte das respektieren.

  2. Gute Zusamenfassung des aktuellen Kenntnisstands – oder Gerüchtestands, wie auch immer man die jetztige Situation nennen will. Ich finde es schon wichtig ehrlich mit lebenden aber auch toten Politikern umzugehen. Gerade dann, wenn diese selbst kein Blatt vor den Mund genommen haben. Man muß sich -lebend- oder -tot- immer von der Messlatte messen lassen, die man auch bei anderen angelegt (bzw. unterstützt) hat. Wenn jetzt viele Anhänger Haiders sagen, dass es Ihnen egal wäre – na dann ist es doch kein Problem. Sollte dies wirklich der Realität entsprechen kommt es zumindest für die Menschen mit einer engen Beziehung zu Jörg Haider (Familie, Freunde) sicherlich nicht überraschend.

  3. Stefan Petzner läßt seinen Emotionen freien Lauf.Ich denke spätestens jetzt ist jedem klar,das Jörg Haider mehr als sein Lebensmensch war.Aber die Gefühle beruhten offensichtlich auf Gegenseitigkeit.Also warum muß das von den Medien so breitgetreten werden?

  4. Ich war und bin alles andere als ein Haider-Fan.
    Seine Politik und sein Gedankengut waren mir stets zuwider und ich bin auch der Meinung dass er Österreich in vielen Belangen sehr geschadet hat.

    Was dieser Herr Haider privat getrieben hat ist mir aber – auf gut Österreichisch – so wurscht wie nur was.

    Man sollte heute doch so weit sein, dass man die sexuelle Ausrichtung einer Person (sofern legal) nicht als Maßstab für diese Person heranzieht.

    Ich gehe daher mit dem Zitat aus dem Artikel völlig konform: Haider schwul? Das war nie so egal wie jetzt.

    D.
    (hetero, by the way…)

  5. J.H.war nicht schwul.Das können Riess-Passer,Gastinger und U.Pichler sicherlich genauer sagen,weil diese ihm sehr nahe standen.

  6. Ja mei, vielleicht war er wirklich nicht schwul sondern nur bisexuell. Nach allem, was man weiss, ist er damit doch auch relaxt umgegangen. Von Haider selbst gab’s mie ein böses Wort über Schwule und insofern ist es auch völlig okay – Privatsache – sich nicht zu outen und auch nicht geoutet zu werden. Da hält die Szene dann schon zusammen.

    Das er auf Männer stand, hat ihn nur leider nicht zum besseren Politiker gemacht – und da steht nunmal platte Ausländerfeindlichkeit, schuldenfinanzierte soziale Wohltaten und ein Mega-Ego.

  7. Pingback: Ask Google: Transzendentales rund um Jörg Haider | elab|or|at

  8. Ich finde es sehr pietätlos was ihr da über den Jörg schreibt!So was finde ich ekelhaft.Egal, wie er sexuell gelebt hat geht uns nichts an!Ein bisschen Respekt würde ich mir wünschen!LG Eva aus Villach

  9. schon jonathan king stellte fest, daß rockstars gerne buberln benutzen um sich sexuell abzureagieren, weil es da keine probleme mit der schwangerschaft und eventuellen alimentären forderungen gibt. das ist alles. nicht hetero, bi oder schwul. einfach das zumpferl irgendwo reinstecken um den hormonhaushalt auszugleichen. sehr sympatisch. armer herr petzner!

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