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Oops, they did it again

Man hat Felix Baumgartner also wieder mal um seine Meinung gefragt.

Ich schicke voraus: Ich gehe davon aus, dass irgendein Reporter bei irgendeinem Interviewtermin Felix Baumgartner irgendeine Frage zum Thema „Die Jugend von heute“ gestellt hat, und der dann halt ein bisschen erzählt, was er sich so denkt. Ich gehe also nicht davon aus, dass Felix Baumgartner bei der Bunten angerufen hat und gesagt hat, er hat jetzt ein bisschen über die „Jugend von heute“ und ein seiner Meinung nach nötiges Erziehungskonzept nachgedacht, und würde seine Gedanken jetzt gerne mitteilen, ob man bitte jemanden vorbeischicken kann. Das ist für das Folgende wichtig!

Jedenfalls: Felix Baumgartner, so heißt es heute sehr empört, ist für die „gesunde Watsche, wenn es sein muss“. Das berichtet die Bunte. Das ist eine Zeitschrift. Worüber Herr Baumgartner sonst noch gesprochen hat und warum eigentlich, das weiß man nicht so genau, weil der Artikel noch gar nicht erschienen ist. Aber die Bunte, nicht blöd, hat sich wohl schon gedacht, dass das die Menschen da draußen interessieren wird, und diese Hot News in einer Vorabmeldung verbreitet.

WatscheJetzt ist es so: Diese Baumgartner’sche Sicht der Dinge ist nicht einfach dumm. Sie ist falsch. Ich übersetze sie mal mit dem gängigen „Eine gesunde Watschen hat noch niemandem geschadet“. Das tu ich auch deshalb, weil er in diesem Artikel dann auch sagt, dass sein Vater das offenbar auch so gesehen hat. Und das ist ja meinungstechnisch das große Problem bei dieser „Gsunden Watschen“. Wer es nicht erlebt hat, weiß natürlich auch nicht so genau, wer schon, beantwortet die Frage, ob er oder sie „beschädigt“ ist, selbst etwas ungern mit „ja“.

Die Frage, ob eine gesunde Watschen gesund ist oder nicht, stellt sich ja schon per Definition nicht. Eine gesunde Watsche wäre nicht gleichzeitig ungesund. Die Frage ist also, ob es sowas wie eine gesunde Watsche überhaupt gibt. Und es gibt sie nicht. 34 Semester Pädagogikstudium ermächtigen mich zu dieser Aussage.

Und diese 34 Semester habe ich jetzt dem Herrn Baumgartner voraus. Damit bin ich nicht allein, aber er halt auch nicht. Und weil er sie nicht im freien Fall beantwortet hat, ist er in diesem Fall – man muss es so sagen und Red Bull möge mir verzeihen – ein Max Mustermann. Das alleine kann man ihm jetzt nicht zum Vorwurf machen.

50% der Eltern bekennen sich laut Jahresbericht der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit dazu, „im Rahmen ihrer Erziehungsmaßnahmen leichte Formen der Gewalt (»leichte Ohrfeige«) anzuwenden“. Nicht theoretisch. Sie tun das. Das ist ein Problem, und ich will hier auch nicht andeuten, dass das – weil sehr verbreitet – irgendwie legitim ist. Es ist nach österreichischen Recht auch eine Straftat.

Erziehungstypen im Ländervergleich

Allerdings zeigt die Verbreitung, dass die Chance des Bunte-Redakteurs oder der Bunte-Redakteurin, eine entsprechende Aussage von Herrn Baumgartner zu kriegen, ziemlich hoch war. Vor allem, weil man ja spätestens seit seinem Bekenntnis zu einem Hang zur gemäßigten Diktatur davon ausgehen kann, dass er nicht unbedingt ein Anhänger eines besonders antiautoritären Erziehungsstiles sein wird (für diese Korrelation reichen sogar sechs Semester Soziologie). Was sie Statistik betrifft, kommen noch erschwerend dazu, dass er ein Mann ist und über 40. Hier (und bei den jungen Männern) ist die Zustimmung zu Ohrfeigen bei Kindern besonders hoch.

Beurteilung konkreter Gewaltformen  nach Alter

Wer aufgepasst hat: Das sind jetzt etwas andere Zahlen. Hier wurde auch nicht die Praxis abgefragt, sondern die Theorie und nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Nicht-Eltern. Nachzulesen in der sehr umfangreichen Studie „Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern„.

Wenn Felix Baumgartner also findet, wenn sonst nichts nützt, wäre eine Ohrfeige ein geeignetes Mittel zur Kindererziehung, dann findet er das was viele finden. Er ist aber – ganz offensichtlich – kein Experte. Und die Frage, warum man diese gängige Max Mustermann Meinung zu einer Schlagzeile hochstilisiert muss man schon stellen. Felix Baumgartner ist in nichts was er tut ein geeignetes Vorbild für die Jugend. Auch nicht für Erwachsene. Man stelle sich vor, wir springen alle dauernd irgendwo runter. So sollte es nicht sein auf dieser Welt!

Die praktisch jährlich neu veröffentlichten Zahlen zur erschreckend hohen Akzeptanz von Gewalt in der Erziehung, die Zahl der betroffenen Kinder, die Folgen (seien es psychologische, oder – weil’s im gesellschaftlichen Trend liegt – von mir aus auch die monetären und wirtschaftlichen), sie alle bekommen diese Aufmerksamkeit nicht. Da warte ich vergeblich auf die Vorabmeldung der Bunten, aufgeregte „hängt ihn höher“-Statuszeilen auf Facebook oder Boykottaufrufe für Sponsoren.

3 Comments

on “Oops, they did it again
3 Comments on “Oops, they did it again
  1. Also ich bin gegen körperliche Bestrafung. Warum? Ganz einfach weil Kinder nur das Produkt ihrer Eltern sind. Und wenn man mal so sieht, wie wenig sich die meisten mit ihren Kindern beschäftigen und im Grunde die Kleinen als Störfaktor sehen, dem man alles verbieten muss, dann sollte man doch eher den Eltern eine Watschen verpassen. Wer mit seinen Kinder nicht kommuniziert und ihene die DInge erklärt muss sich nicht wundern, dass sie nicht hören oder rummaulen.
    Es sind Kinder, die wissen nicht warum Mami und Papi so entscheiden!

  2. Ach der Baumgartner redet doch eh nur doofes Zeug. Wenn man sein Kind richtig erzieht und begleitet, kommt man auch seltener in Situationen in denen man sein Kind am liebsten eine runterhauen möchte. Wirklich mal…wtf?!

  3. Ich wurde als Kind selber, ich nenne es mal gezüchtigt. Ich bin zwar ein ganz vernünftiger Typ geworden, aber n Knacks hab ich glaub ich doch erlitten. Vergessen kann ich jedenfalls nicht und ich bin mir sicher das es auch ohne Züchtigung geklappt hätte. Ich würde meine Kinder niemals so behandeln. Zur Verteidigung meiner Eltern muss ich aber sagen, dass sie aus einer anderen Zeit und aus einem noch heute primitiveren Land kommen. Die wussten es einfach nicht besser weil sie ebenso erzogen wurden. Das der Baumgärtner so redet ist schon ein Ding für sich.

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