Seit Jahren kursieren Gerüchte, Jörg Haider, verheiratet und Vater mehrerer Kinder, würde sich auch für Männer interessieren. Die österreichische Medienlandschaft hatte zu diesen immer ein durchaus bemerkenswertes Verhältnis. Sie wurden gleichzeitig lanciert und ignoriert. Möglicherweise ist die österreichische Gesellschaft gefühlt irgendwie zu homophob, um sich als Spitzen-Politiker zu outen, aber tolerant genug, um einer zu werden. [--> weiterlesen]
Ha, da denkt man mal, man kennt sich aus, und dann stellt sich raus, dass das alles irgendwie ganz anders ist. Also was heißt anders,… komplizierter halt als gedacht. Das mit den EM-Songs, den “offiziellen”. Reinhard Fendrich hat einen offiziellen EM-Song, Christina Stürmer hat einen offiziellen EM-Song, wahrscheinlich haben noch viele andere einen von dem ich noch nichts weiß. Sicher hat aber Shaggy ZWEI.
Jawohl. Nach Shaggy feat. Trix & Flix (“Superstar”) gibt es noch einen neuen. Der wurde erst die Tage präsentiert, ich hab das am Rande mitgekriegt und mir gedacht, das ist der den ich schon kenn. Aber inzwischen weiß ich: Nein. Ist er nicht. Das offizielle Lied zur Fußball-EM der Männer 2008 (dieser Woche) heißt “Feel The Rush”.
Und ja. Kein Trix, kein Flix, keine unbewohnten Häuser. Dafür jede Menger Österreich-Klischees, die aus der Feder eines Karl Moik stammen könnten.
Shaggy startet im Video nämlich in der Karibik. Lebensfreude, Strand, Sonne, alles da. Die Klischees also wohl genauso dumm gewählt, aber sympathischer. Dann fliegt Shaggy nach Österreich (warum auch immer) und am Ende gibts dann Most aus einem grünen Keramik-Krug (wenigstens kein Gmundner), einen Empfang wie in Franz Antels 60er-Jahre Komödie “Im Schwarzen Rößl” und eine dazupassende Fahrt mit Traktor und Anhänger. Wie man halt Menschen transportiert in den … ähm … Alpen.
Das Video hier endet nach zweieinhalb Minuten. Vielleicht passiert am Ende ja noch etwas sehr Versöhnliches. So würde ich es Shaggy jedenfalls nicht verübeln, falls er schnell die Sonnenbrille wieder aufsetzen und zurück ans Meer jetten würde. Pörtschach, genau. Wollte ich auch immer schon mal hin.
Da hat die Kärnten-Werbung also ordentlich Geld in die Hand genommen, und kommt damit auch schon zu ihrem zweiten Auftritt hier. Und weils eines der Top-Deppaten-Enden eines Pressetextes ist, auch das noch:
Warum gerade der Jamaikaner Shaggy den Song zur EM singt, erklärten die UEFA EURO 2008[TM] Maskottchen Trix und Flix so: “Er ist einfach unser absoluter Lieblings Sänger und hat den Rhythmus im Blut den man haben muss, um toll Fußball zu spielen.”
Das ist ja nicht mal irgendwie logisch. Volltext gibts hier, inklusive einem Stückerl echter Aufklärung: “Feel The Rush” ist der offizielle UEFA EURO 2008™ Mascots Song. Was das vom Fendrich ist, find ich auch noch raus.
Kärnten ist wunderschön. Leider lernen das auch die Heerscharen an Nachwuchs-Eventmanagern und -innen in ihren Eventmanagement-Schulen. Und so setzt die Wörthersee-Region immer wieder noch eins drauf, auf den eh schon kaum noch überblickbaren Promo-Berg.
Ich stell mir das inzwischen ja so vor, dass man dort den Sommer über von einer Fete Blanche zur nächsten hetzt und zwischendurch ein bisschen am GTI-Treffen oder bei einem Beach-Volleyball-Turnier vorbeischaut. Die Wörthersee-Website führt im Moment 40 ”Top-Events“. Normale “Veranstaltungen” noch gar nicht mitgerechnet.
Ein Eldorado für Promoter-Tussis (männliche und weibliche) also. Deswegen war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis endlich die gefinkelten Agenturen der Abteilung Pink-Marketing in Richtung Kärnten schielen.
Der deutsche Veranstalter Communigayte hat zugeschlagen und beschlossen, sich in die reaktionären Kärntner Nesseln zu setzen und stampft Mitte September (wenn die Kinder wieder beschützt in der Schule sitzen) ein Pinkwave (wow!) aus dem Boden. Dass man sich lokal noch ein bisschen schwer tut mit der neuen Zielgruppe, zeigt vielleicht das Bild, das die KollegInnen von kaernten.orf.at zur Illustration ihrer Geschichte “Im Herbst Gay Festival am Wörthersee” gewählt haben. Ob die erwarteten 3000 schwulen und lesbischen(?) Gäste alle in transparenten Hotpants und mit weißen Engelsflügerl anreisen werden. Naja, vielleicht ja eh wirklich.
Bezahlt wird jedenfalls unter anderem von der Kärnten Werbung, der Wörthersee Tourismus Gesellschaft und der Gemeinde Pörtschach. Die alle konnten die communigayter mit ihrer Liste der “10 guten Gründe für Gay Community Marketing” überzeugen. Dieses mächtige Instrument will ich hier deshalb auch niemandem vorenthalten:
Die Gay Community in Deutschland ist eine sehr große Zielgruppe.
Schätzung gehen von mindestens 5,5 Millionen aus.
Die Gay Community ist eine sehr finanzstarke Zielgruppe mit einem
hohen, verfügbaren Einkommen.
Gays haben ebenfalls mehr „verfügbare Zeit” als Heterosexuelle.
Die Gay Community hat das Verlangen nach werblicher Ansprache (im
Gegensatz zu Mainstream-Konsumenten, die sich von
Marketingaktivitäten eher belästigt fühlen).
Gays sind sehr markentreu – besonders wenn sie direkt angesprochen
werden.
Gays sind Trendsetter („Early Adopters“).
Die Gay Community ist eine selbstbewusste, kommunikative und
einflussreiche Zielgruppe („Out and Proud“).
Die Gay Community kann als Zielgruppe sehr präzise und
kosteneffizient mit fokussiertem Marketing erreicht werden.
In den USA betreiben viele Fortune 500 Unternehmen aktiv und
erfolgreich Zielgruppenmarketing mit der Gay Community – und das
bereits seit einigen Jahren.
Mit COMMUNIGAYTE haben Sie jetzt den Partner mit der Erfahrung
und Kompetenz, die Sie benötigen um Ihr Produkt erfolgreich an die
Gay Community zu vermarkten.
Von diesem 10-teiligen Zauberspruch lässt sich also die ihre grundkonservative Kärtner-Seele an den Meistbietenden verkaufende lokale Tourismusindustrie bannen. Sollte man sich unbedingt merken!
Weil die Gegend aber bei aller Seltsamkeit doch irgendwie immer noch in Österreich liegt, ist der lokale Platzhirsch natürlich nicht weit. Die Pink Marketing Gmbh hat die Vermarktung übernommen und verspricht Schlimmes: ”Eine ausgeklügelte Kampagne, in der neben den klassischen Werbemitteln im Print- und Online-Segment auch einige Beyond-the-line Elemente enthalten sind, läuft bereits an und hat ihre Schwerpunkte im April sowie in den Sommermonaten Juni und Juli.”
Da kommt also wohl noch einiges auf mich Kern-Zielgruppe zu. Und womit soll ich meine gewonnene Gay-Zeit auch sonst verplempern als mit dem Betrachten von durchgeknallten Zielgruppen-Klischees.
Aber meine Damen und Herren Homo-Markt-ForscherInnen, ich sage euch eins: Da könnt ihr noch so oft “alle Gays, Lesben, Bisexuelle und Transgender sowie Freunde der Community” einladen. Ich hasse euch. Auch dafür, dass ich mich beim ersten Aufmupfen irgendeines homophoben Dumpfnasen-Kärnters der Einfachheit halber sofort auf eure Trottel-Seite schlagen muss.